Und wieder ist es soweit, der nächste Umzug wartet auf mich. Momentan befinden wir uns im “Ja ich weiß wir haben kein Ketchup, aber jetzt kaufe ich keine neue Flasche mehr” Stadium. Fast täglich tummeln sich Gedanken wie “das ist wohl das letzte Mal, dass ich diese Straße entlangfahre”, oder “Oh, die Bluebonnets werden dieses Jahr ohne uns blühen”. Ich versuche mich so oft wie möglich mit Freunden zum Kaffee oder Abendessen zu treffen, stehe im Supermarkt am Salsa-Regal und überlege, wieviele Flaschen und Gläser ich in den Essenskarton packen darf, und bestelle Tacos, wo es nur geht.

Ich stecke mitten im Kistenpacken. Das mache ich, weil es mir hilft, den Umzug zu verarbeiten. Die meisten Leute verstehen das nicht und vielleicht haben sie recht und ich könnte mir jede Menge Stress sparen, wenn ich packen ließe, aber für mich ist es irgendwie ein sehr wichtiger Bestandteil dieser Reise in einen neuen Lebensabschnitt. Unsere Habseligkeiten auszuklamüsern, hier eine Tasche für Spenden, da eine für Freunde zusammenzustellen und jede Menge Ballast abzuwerfen, den ich wirklich am anderen Ende nicht mehr sehen will, das ist für mich absolut essentiell. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht total im Packwahn verliere, sondern auch gelegentlich das Haus und meine sich total ins Organisieren verbissenen Gedanken verlasse und etwas tue, das mich ablenkt. Ich bin so gestresst wie selten zuvor. Nachts fahre ich regelmäßig aus dem Tiefschlaf hoch, atemlos und panisch, und neulich auf der Autobahn hatte ich plötzlich total vergessen, wo ich hinwollte, und musste an der nächsten Ausfahrt rausfahren, nur um am Rand zu halten und meine Gedanken zu sammeln. Meine sonst so sorgsam verborgenen Phobien und kleinen Unarten brechen hier und da hervor. Ich kaue an den Fingernägeln und mein Genick schmerzt seit Wochen so, dass ich kaum den Kopf drehen kann. Umziehen ist die absolute Hölle, egal ob man es nur einmal oder zehnmal durchgestanden hat.

Und so beschloss ich, mir ein paar Verwöhneinheiten zu gönnen, um meiner Pack- und Organisierhölle zu entkommen.

Als erstes ging ich zum Friseur, was auch überraschenderweise gut funktionierte und nicht in meinem so oft schon vorgekommenen Reflex ausartete, mir sofort nach dem Friseurbesuch die Haare zu waschen, umzustylen oder sogar noch nachzuschneiden (jawohl, ich habe bereits mehrere traumatische Haarerlebnisse hinter mir). Die coolen Wellen, die die Friseurin mir in mein schnittlauchgerades Haar zauberte, hielten zwar nicht einmal bis zum Abend, und es bestand natürlich auch gar keine Chance, dass mir eine so coole Frisur je selber gelingen würde, aber im Großen und Ganzen war ich mit der Erfahrung sehr zufrieden.

Was sollte ich als nächstes unternehmen? Bei Groupon gab es doch immer gute Beauty-Angebote, dachte ich und schnappte mir meinen Laptop. Das erste was mir ins Auge stach war ein Angebot für ein Float Spa. Eine Stunde bei sanfter Musik schwerelos im warmen Salzwasser schweben, ohne jegliche Ablenkung? Ja bitte!

Mein Termin war gleich am nächsten Tag, und ich machte mich gespannt auf den Weg. Nach einem kleinen Einführungsvideo durfte ich in meinen persönlichen Spa-Raum mit Dusche und Float-Tank. Die Dame vom Empfang reichte mir ein Handtuch, einen Waschlappen und ein Fläschchen mit Leitungswasser zum Abwischen, falls man Salz in die Augen bekam, Vaseline f¨¨ür Schrammen oder kleine Schnitte in der Haut, ein Paar Ohrstöpsel und zwei flache Schwimmnudeln als Nackenstütze, falls gebraucht. Und dann war ich allein, bereit für eine Stunde bewusstseinserweiternde Seligkeit. Vielleicht würde ich es tatsächlich schaffen, meinen Stress für ein Weilchen zu vergessen.

Ich betrachtete argwöhnisch die Ohrstöpsel, war aber angenehm überrascht, wie einfach und fest sie passten, und war erleichtert, mich nicht mit Wasser in den Ohren rumärgern zu müssen (auch eine Phobie von mir). Ich stieg in das Becken, achtete darauf, dass Wasserflasche und Waschlappen in greifbarer Nähe waren, zog den Deckel über mir zu und ließ mich ins warme, aber nicht zu warme Wasser gleiten. Nach ein paar Minuten verstummte die sanfte Entspannungsmusik, und es wurde sehr still. Und sehr dunkel. Nat¨¨ürlich hatte ich vergessen, mir zum Schutz Vaseline auf den Daumen zu schmieren, an dem eine aufgeplatzte Blase prangte, die ich mir vor ein paar Tagen beim Streichen unserer Toilette geholt hatte. Mein Daumen tat höllisch weh, als das Salzwasser in die Wunde drang, doch ich war fest entschlossen, die Schmerzen zu ignorieren, denn die Vorstellung, noch einmal aufzustehen, gefiel mir ganz und gar nicht. Seufzend konzentrierte ich mich auf das Gefühl der Schwerelosigkeit. Es war zu ruhig. Und zu dunkel. Mir fiel wieder ein, dass ich eigentlich dunkle, enge Räume schon immer hasste. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich setzte mich auf, um den Deckel einen Spalt ¨öffnen. Sofort drang kühlere Luft von außen an meine Haut und ich fröstelte. Schnell ließe ich mich wieder ins Wasser gleiten und schaffte es geschickt, mir eine volle Portion Salzwasser in die Augen zu spritzen. Fluchend suchte ich im Dunkeln nach der Wasserflasche, die natürlich prompt mitsamt dem sauberen Waschlappen ins Salzwasser fiel. Na großartig. Jetzt taten neben meinem Daumen auch meine Augen weh.

Beharrlich versuchte ich mich auf die Schwerelosigkeit zu konzentrieren und begann mit einem Body-Scan, angefangen bei den Füßen, bis hin zum Scheitel (ich mache das gerne zur Entspannung, man konzentriert sich darauf, die Körperteile der Reihe nach anzuspannen und wieder locker zu lassen). Auf halber Strecke wurde mir bewusst, wie verspannt mein Nacken schon wieder war. Vielleicht w¨¨äre es noch bequemer mit der Nackennudel? Die hatte ich natürlich nicht mit ins Becken gebracht, sondern auf dem Fußboden bei meinen Klamotten gelassen. Ich setzte mich also wieder auf, öffnete den Deckel und h¨¨üpfte hinaus, schnappte mir die Nudel und war in Sekundenschnelle wieder im Wasser.

Dieses Mal gelang es mir, den Deckel vollständig zu schließen, und ich fand den Schalter für das sanfte, violett-rosa Licht. Endlich fand ich es behaglich genug, um mich so richtig fallen zu lassen und meinen kleinen Kokon zu genießen. Allerdings war es mir immer noch zu still. Das Schwappen des Wassers und das deutliche Knurren meines Magens – es war mittlerweile Mittagszeit – waren dabei nicht sehr hilfreich. Wie bescheuert, dass ich nicht Spotify auf meinem Handy geöffnet und mir Entspannungsmusik gesucht hatte. Oder überhaupt Musik, alles wäre besser als diese Stille. Nach einer weiteren Minute hievte ich mich wieder in die Höhe und hüpfte zu meinem Kleiderhaufen. Dieses Mal ging das Deckenlicht an. Oh nein, dachte ich, bedeutete das, dass man draußen dachte, ich sei mit der Behandlung fertig? Ich wühlte mein Handy unter meiner Jeans hervor, fand eine Playliste und drückte den mittlerweile salzverkrusteten Startknopf. Besser. Und wo ich schon dabei war, schnappte ich mir auch gleich noch die Vaseline, doch meine Augen brannten so sehr vom Salzwasser, dass ich gar nichts sehen konnte und entnervt aufgab. Kurz ¨¨überlegte ich, ob ich mich schnell abduschen sollte, doch ich wollte auf keinen Fall die Dame von der Rezeption alarmieren.

So langsam hatte ich die Nase voll, fand alles aber auch irgendwie so skurril, dass es schon wieder lustig war. Bisher hatte ich tatsächlich ungefähr das Gegenteil von Entspannung erreicht. Wenigstens hatte ich dank Groupon nur den halben Preis gezahlt!

Zurück in meinem Tank, die Nackenstütze schön an richtiger Stelle, merkte ich, dass ich die Musik gar nicht richtig hören konnte, da ja der Deckel geschlossen war und ich immer noch die Ohrstöpsel im Ohr hatte. Aber jetzt war es mir egal, so lange würde das Ganze ja wohl nicht mehr dauern. Auf die Uhr zu schauen, war mir während meiner kurzen Zeit am Handy natürlich nicht eingefallen.

Sobald die Düsen im Pool angingen und das Wasser um mich herum sprudelte – das Zeichen, dass ich nur noch fünf Minuten bis zum Ende meiner Sitzung hatte – sprang ich aus dem Becken, duschte und floh nach Hause.

Vielleicht habe ich bei der Massage, die ich für nächste Woche gebucht habe, mehr Erfolg. Oder vielleicht sollte ich doch endlich mal einen Meditationskurs machen?

PS. Meine Haut hat sich ein paar Tage lang so richtig toll angefühlt. 

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